Carola Vogt | Peter Boerboom |
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Romantik ohne Kulturkritik Es ist ein Topos der Kulturkritik, dass die moderne Zivilisation die Welt entzaubert habe – und Glück nur jenseits davon zu finden sei. Schon im 19. Jahrhundert flüchteten sich daher viele Menschen in die ›reine‹ Natur, aber auch die Landschaftsmalerei wurde zu einem Asyl für diejenigen, die genug hatten von Regeln und Alltag, Bürokratie und Bürgerpflichten. In den meisten Ästhetik-Lehrbüchern war festgehalten, dass die Darstellung der Landschaft in der Kunst möglichst ›anspruchslos‹ stattzufinden habe, um das träumende Bewusstsein – jenen Alltagseskapismus – nicht zu beeinträchtigen. Als menschliche Spuren waren seit der Landschaftsmalerei der Romantik höchstens Ruinen erlaubt: Bei ihnen hatte das Dickicht der Natur den gestalterischen Ehrgeiz schon wieder fast vollständig überwachsen und nur noch ein paar Bruchstücke übrig gelassen. So galten Ruinen auch als Zeichen einer Selbstbehauptung der Natur gegenüber dem Menschen; mancher Kulturkritiker, so etwa der Philosoph Friedrich Theodor Vischer, reklamierte sogar kämpferisch, dass die Natur, so sehr die Zivilisation auch »ihre Marken vorschieben mag«, dennoch nicht ganz »zu zerstören« sei: »Die ewige Sonne wenigstens kann man uns nicht nehmen, die Luft nicht zensieren, den Bäumen und Wellen ihre polizeiwidrigen geheimen Gespräche nicht untersagen, die Vögel des Himmels nicht numerieren und nach Sibirien schicken.«* Um Marken der Zivilisation, die sich in die Natur ›vorschieben‹, geht es auch in den Fotografien von Carola Vogt und Peter Boerboom. Doch bedienen sie dabei gerade keinen kulturkritischen Topos. Selbst wenn die menschlichen Eingriffe auf den Fotos, ähnlich wie bei der Ruinenromantik, einen fragmentarischen Charakter besitzen mögen, sind die Sujets der Bilder nicht unbedingt markante Überreste, welche eine stärkere Natur gelassen hat. Vielmehr erscheinen diese Marken wie Zeichen unbekannter Kulte oder Botschaften mysteriöser Riten; sie fordern, ganz und gar nicht ›anspruchslos‹, zu Hypothesen heraus und stellen bohrende Fragen: Was verbirgt sich wohl in zwei auf offener Wiese einander gegenüberstehenden, abgeschlossenen Kästen aus Kunststoff? Welche Bewandtnis hat es mit einem Rohr, das aus einem Erdhügel ragt, oder mit einem Treppenschacht an einer Waldböschung? Und was bedeutet eine einsame Metallstange auf einer weiten Wiese? Wer die Fotos von Vogt und Boerboom betrachtet, wird aber schon bald die Grenzen der eigenen Deutungsmacht spüren: Vielleicht haben Geodäten etwas mit jener Stange markiert? Und gibt es nicht oft Trinkwasserreservate unter Wäldern und Wiesen, auf die ein solcher Treppenschacht deuten könnte? Oder braucht etwa die Telekom die Kunststoffkästen? Ist man nicht gerade Experte, bleibt jedoch auch nach einem zweiten oder dritten Blick unklar, was auf den Fotos eigentlich zu sehen ist; aus den Hypothesen werden kaum einmal Thesen. Und man beginnt zu ahnen, dass die Zivilisation komplexer ist, weiter reicht und viel öfter mehr als nur die sichtbaren Oberflächen bedient, als man gedacht hätte. Die Erfahrung vor den Fotos von Vogt und Boerboom macht bewusst, was bei einer Wanderung und erst recht bei Spaziergängen durch eine Stadt zwar ›irgendwie‹ bemerkt, aber doch fast nie eigens bedacht wird: Es gibt gar nicht so wenige zivilisatorische Infrastrukturen, Systeme und Codes, die man überhaupt nicht versteht und die sich von dem, was zu sehen ist, auch nie erschließen lassen. Jeder ist in erstaunlichem Ausmaß fremd in der eigenen Welt – und dies sogar noch mehr in der Zivilisation als in der Natur. Auch bei Vogt und Boerboom sind es nicht etwa spektakuläre Naturformen oder seltene Landschaftstypen, die die Fotos ungewöhnlich und rätselhaft machen. Im Gegenteil lassen allein die anthropogenen Spuren und Relikte jenen Slogan von der zivilisationsbedingt entzauberten Welt auf einmal geradezu absurd erscheinen. Dabei empfindet man es, wohlgemerkt, nicht als unangenehm oder bedrohlich, dass man höchstens bedingt zu entschlüsseln vermag, was man sieht. Bezeichneten ehedem die Romantiker die Natur als Chiffrenschrift, als Geheimsprache Gottes, die den Menschen ewige Rätsel stelle, die zu entziffern aber doch nie aufgegeben werden könne, so haben die menschlichen Zivilisationen mittlerweile also selbst diverse Chiffrenschriften entwickelt: Als Folge von Arbeitsteilung und Spezialisierung der Branchen kann jeder nur noch Teile dessen nachvollziehen, was in der Gegenwart passiert. Nicht nur vermag kaum jemand mehr zu erklären, wie genau ein komplexeres technisches Gerät eigentlich funktioniert, sondern selbst beim Gang durch eine Landschaft muss man bereits bekennen, vielfach auf bloßes Spekulieren angewiesen zu sein. Dass nicht ein Gott, sondern vielleicht die eigenen Nachbarn und Bekannten – als Ingenieure, Förster oder Verwaltungsbeamte – vor solche Rätselaufgaben stellen, macht diese um so herausfordernder. Die Landschaftsfotografien von Carola Vogt und Peter Boerboom stehen wegen ihrer Poesie des Rätselhaften also in einer romantischen Tradition – doch sie bieten Romantik ohne Kulturkritik. Das ist ganz ungewöhnlich, war das eine vom anderen bisher doch gar nicht zu trennen. Die Melancholie angesichts eines als drohend empfundenen Verlusts von Geheimnis und Verklärung weckte ehedem ja überhaupt erst den Wunsch nach einer Chiffrenschrift der Natur und ließ Ruinen zu Postulaten einer wiederverzauberten Welt werden. Daher war der Geist der Romantik sentimental oder auch geradezu aggressiv reaktionär, in jedem Fall aber beschwörend. Vogt und Boerboom sind hingegen völlig nüchtern, ohne Pathos oder Ideologie. Sie bedienen sich keinerlei Effekte, um etwas geheimnisvoller erscheinen zu lassen, als es ohnehin bereits ist; die Rhetorik von Unschärfen oder verfremdenden Ausschnitten hat auf ihren Fotos keinen Platz, sie geben ihren Bildern keine raunenden Titel und präsentieren sie auch ganz schlicht. Um so eindrucksvoller ist, wie konstant das Flair der Landschaften bleibt, obwohl Vogt und Boerboom sie genauso in Oberbayern wie in Norditalien, sommers wie winters, bei Sonne oder bei bewölktem Himmel fotografiert haben. Diese Konstanz mag sich nicht zuletzt der Menschenleere verdanken, die ihre Landschaften kennzeichnet: Was auf die Zivilisation verweist, bleibt zugleich unbenutzt, und oft weiß man nicht einmal, ob etwas letzter Rest einer alten Anlage, nie fertig gewordene Umsetzung eines Bauplans oder aber Teil eines voll funktionsfähigen Systems ist. Das steigert aber nur nochmals den Geheimnischarakter, ja die Bilder strahlen eine geradezu zeitlose Stimmung – und Spannung – aus; sie legen sich nicht fest, ob sie Dokumente von Vergangenem oder der Gegenwart oder aber Spuren einer nie gewesenen Zukunft sind. Einmal mehr ist damit ein Ideal der Romantik verwirklicht, deren Protagonisten sich danach sehnten, dass alle Zeiten in einer erfüllten Gegenwart aufgehoben sind. Und einmal mehr gelingt Vogt und Boerboom dieses Ideal ohne seine problematischen Kehrseiten; sie brauchen keine restaurativen Visionen oder maßlosen Utopien zu entwickeln, um die eigene Gegenwart zu transzendieren. Sie fotografieren einfach nur, was ist. Wolfgang Ullrich * Friedrich Theodor Vischer: Zustand der jetzigen Malerei (1842), in: ders.: Kritische Gänge, Bd. 5, München 1922, S. 40. in: Carola Vogt und Peter Boerboom, Landschaften 1997-2005, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2005 |
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