Carola Vogt | Peter Boerboom |
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Transitionen Kunst lenkt die Aufmerksamkeit in jüngster Zeit immer wieder auf Orte und, in engem Zusammenhang damit, auf Architekturen. Diese Fokusierung kann als Reflex auf den Prozeß zunehmender Entortung verstanden werden. Die neuen Verkehrs- und Kommunikationstechnologien mit ihrem raumüberwindenden Potential, die Entfesselung der kapitalistischen Ökonomie mit ihrem Primat des Verschleißes und dem Gesetz der permanenten Innovation führen zur globalen Annäherung der Orte. Mit zunehmender Beschleunigung schrumpfen die Distanzen. Gleichzeitig werden die verschiedensten Orte assimiliert bis ihre Unterschiede zuletzt im Nirwana des kybernetischen Raumes vollständig verschwinden. Übergangsorte sind das Thema der von Carola Vogt und Peter Boerboom aufgenommenen Fotos. An den Rändern der Ortschaften im oberbayerischen Fünfseenland, dort wo das Dorf nicht mehr Dorf und die Landschaft noch nicht Landschaft ist, im Zwischenbereich zwischen Bebauung und Natur gingen Vogt und Boerboom auf Motivsuche. Das Resultat ihrer Suche ist die doppelte Transition: In der Zone des Übergangs fotografieren sie Architekturen und andere Einbrüche in die Land-schaft als Zeichen des Übergangs. Dabei entwickelt sich eine spezifische Balance zwischen potentiellem Ort und Nichtort, zwischen Eingriff und Natur, wobei davon auszugehen ist, daß zumindest im Alpenvorland unberührte Natur längst nicht mehr existiert. Was dem Auge als Natur erscheint ist landwirtschaftliche Nutzfläche, die nicht zuletzt durch die Vermittlung von Bildern den Anschein einer natürlichen Landschaft erhielt. Die Fotos zeigen die Landschaft an den Rändern von Dörfern als weitgehend unspezifischen Ort. Der Blick richtet sich auf die Spuren der Kolonisation dieses Randes etwa auf eine im Auf- respektive im Abbruch befindliche Hütte. Als Gerüst wird die Hütte abstrakt und erscheint als Modell ihrer selbst. Sie definiert einen potentiellen Ort. Der tatsächliche Ort befindet sich im Übergang, ein Unort gleichsam im Unort. Eine vergleichbare Spannung zwischen Ortskonstruktion und Nichtort erzeugt auf einem anderen Foto ein durch wenige Latten markiertes Geviert. Die Latten grenzen hier einen Bezirk ab, auf dem ein Gebäude errichtet werden soll. Auch hier markiert die Andeutung des zukünftigen Hauses einen Übergang, den Übergang zur weiteren Kolonisation der Ränder. Als fotografiertes Zeichen des nahen Flugplatzes kann ein Miniatur-haus mit Signalornamenten gelesen werden. Wie ein artifizieller Kontrapunkt steht das Häuschen im Kontrast zu einer grasenden Kuhherde, die, angesichts der sich abzeichnenden endgültigen Verbannung der Tiere in Ställe, als Relikt der zwar domestizierten, aber doch noch rudimentär zu ihrem Recht kommenden Natur betrachtet werden muß. Orte sind gleichzeitig imaginäre, sprich: bildhafte und reale Konstruktionen. Wie die Kolonisation der Ränder den kursierenden Bildern und Vorstellungen unterliegt, wird besonders an einer Aufnahme deutlich. Sie zeigt ein in der Landschaft abgegrenztes und eingezäuntes Spielplatzgelände samt Häuschen und Spielplatzgerät. Während in den Städten zumindest noch in den achtziger Jahren versucht wurde mit Hilfe von Abenteuerspielplätzen Naturerfahrungen zu simulieren, findet hier nun eine Umkehrung dieser Bewegung statt: Das Land wiederholt die Stadt. Selbst noch in den standardisierten Spielplatzgeräten wie Klettergerüst und Rutsche wirken elementare Erfahrungen nach, die zuvor etwa Bäume und verschneite Hänge ermöglichten. Über den Spielplatz hält das Surrogat der Natur in der Natur Einzug. Die Abgrenzung des Spielplatzes im ländlichen Terrain ist Ausdruck jener alle Grenzen überschreitenden Nivellierung, jener Kolonisation, die imstande ist, selbst noch den Charakter von Unorten zu potenzieren. Die Territorialisierung der Unorte schreitet vor. Nur selten erweckt sie dabei Lachen, wie die von Vogt und Boerboom fotografierte, in ein Baumstammgeviert eingepasste Hütte. Heinz Schütz erschienen in: A. G. Leitner, Bild Schirm schneit, roter Stich, Verlag Landpresse 1997
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