Carola Vogt | Peter Boerboom
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Eine performative Landschaft
Über die Landschaften von Vogt und Boerboom

Landschaften tragen oft etwas Geheimnisvolles in sich. Sie können ein Gefühl von Unheimlichkeit und Beobachtung transportieren, wenn es sich um abseitige Schauplätze handelt. Menschenleer, aber nicht ohne Spuren treten sie dem Betrachter entgegen, der sich unvermittelt in die Rolle des beobachteten Beobachters versetzt sieht. Eine strukturelle Ähnlichkeit wohnt den Fotografien von Vogt und Boerboom nicht nur aufgrund ihres Verzichtes auf Farbe inne, auch die Orte selbst und ihre Vegetationen entwickeln Struktur- und Kompositionsmerkmale, die jede Landschaft als selbstständig und doch als Teil einer Serie oder Sammlung kennzeichnet.

Diese Landschaften entsprechen nicht den gängigen Klischees eines ›schönen Ortes‹. Sie sind vielmehr Reminiszenzen an eine bearbeitete, beanspruchte und genutzte Natur. Eine Natur mit Gebrauchspuren. Die Spuren werden zu inhärenten Bestandteilen der Aura des Ortes und der Landschaft, sie sind keine Hinzufügungen, sie werden nicht kritisiert im negativen oder im positiven Sinne. Der Gebrauchsort ist vielmehr Indiz für Anwesenheiten. Er macht rätseln, welche Handlungen und Tätigkeiten zu welchen Zeiten gerade hier stattfinden mögen.

Landschaft als Gegenüber des Menschen, als sein Kontemplationsraum, der die Seele spiegelt und das humane Subjekt erst konstituiert, ein solches idealistisches Landschaftskonzept, greift nicht mehr. Landschaft als Potenz der Zivilisation ist in der Zeit der Peripherisierung und der Zwischenstädte, der Städteschrumpfung und der Ausbreitung des Agrobusiness längst eine gängige Formulierung. Alles ist in diesem Sinne Landschaft, aber was ist sie dann noch? Ein ästhetisches Konzept, eine Um- oder Mitwelt? Warum interessiert uns Landschaft überhaupt? Ist sie tatsächlich ein Raum für das ›gute Leben‹, wenn ja, was meinen wir damit? Wellness-Hotels, Slow Food und Sanfter Tourismus einerseits, Naturkatastrophen, Kriege und Umweltprobleme andererseits, sie alle und noch viele mehr sind heute Konzeptualisierungen von Landschaft, die mal so und – ehe man es sich versieht – auch anders kulturell codiert werden.

Der Sammlung von eigenartigen Orten geht eine Durchmessung des Raumes voraus. Die Schauplätze drängen sich nicht auf, sind nicht die schreienden und markanten Räume entlang der Straßen. Sie wollen gefunden werden und offenbaren ihre Eigenart dem langsamen Betrachter, der sich auf Details einlassen kann. Wenn Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour Anfang der siebziger Jahre die Ästhetik der Stadtlandschaften eines Ortes wie Las Vegas als für und durch das fahrende Auto beschrieben haben, so fordern diese Landschaften hier den Geher, den Läufer, um nicht zu sagen Wanderer. Gefragt ist die Langsamkeit der Bewegung und des Hinschauens, das Inspizieren der Indizien, die den Ort aufschließen.

Die Landschaft als Akteurin ist stumm, aber nicht geräuscharm, blind, aber nicht bilderlos. Sie stellt mit ihrer Aufmachung Thesen in den Raum über das jeweilige kulturelle Bewusstsein und Wertesystem, über politische,
ökonomische, militärische und kriminalistische Fragen. Darüber, wie man leben will und wie man leben wollte oder wie gelebt werden sollte. Landschaft produziert also Bedeutungen und reproduziert Normen und ist damit ein kulturelles Agens. Sie ist quasi die Schnittmenge aus menschlichem und natürlichem Handeln, verkörpert aber für viele immer noch schlichtweg ›Natur‹. Das in dieser Auffassung anklingende Naturverhältnis hat in den Selbstbeschreibungen und Selbstvergewisserungen unserer europäischen Welt von einer Koexistenz in der Natur, über ein Bearbeiten von Natur hin zu ihrer überwiegenden Ästhetisierung geführt und ist selbstverständlicher Teil menschlicher Evolutions- und Kulturgeschichte. Die Prothesen im Umgang mit natürlichen Gegebenheiten, die wir Menschen uns im Laufe der technischen Entwicklung unserer Spezies geschaffen haben, sind uns heute näher als eine erste unbearbeitete und unberührte Natur. Ihre Simulakren finden als Fototapete, Postkarte, Fernsehreportage oder Jahreskalender in unseren Heimstätten Platz. Oder sie füttern als Ort des Echten unsere Urlaubsreisen entsprechend spektakulär auf. Natur wird auf Distanz gehalten.

Landschaft ist etwas Anderes, gewissermaßen ein besonderer Aggregatzustand von Kulturnatur. Das Performative der Landschaft liegt genau in diesem Verhältnis als Zwischenwesen begründet. Sie ist kulturell konstruiert, aber ihr bleibt ein zusätzlicher, grundsätzlich zur Veränderung neigender natürlicher Movens, der ihre Unberechenbarkeit, ihre Erhabenheit ausmacht und damit auch Teil ihrer Schönheit und Anziehungskraft ist. Landschaft beinhaltet immer eine bestätigende Komponente, aber auch den romantisierenden Anklang eines »Wie wird es morgen sein?«. Diese Frage repräsentiert ein Versprechen der Machbarkeit ebenso wie die Drohung des Verlustes. Das Vielleicht des möglichen Anders-Seins steckt selbst noch in einem unveränderbar geglaubten Bild, in einer komponierten künstlerischen Landschaft.

Damit wird Landschaft interpretierbar, simuliert eine Lesbarkeit und vermittelt Narrationen über Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen. Die Möglichkeiten des So-Gewesen-Seins, So-Seins oder So-Werdens sind ihr und ihren Bildern auf vielfältige Weise eingeschrieben. Insofern ist Landschaft grundsätzlich uneindeutig, was die in sie und mit ihr getätigten Einschreibungsversuche umso vielfältiger macht: Landschaft als nationales Identifikationsmoment, als Schauplatz oder als Repäsentantin ökonomisch-ökologischen Wirtschaftens – all das sind Bedeutungsebenen von heutigen Landschaftsbildern, die alle gleichzeitig möglich sind.

Dennoch vermitteln Landschaften nach wie vor ›Stimmungen‹. Ein Terminus – das Stimmungsvolle – der unseren heutigen diskursgewohnten Ohren wie aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Gerade aber diese Stimmungen machen die Wiederkehr der Landschaft als Bildprodukt im Zuge der Entwicklung des Tourismus, der Auto- und der Lebensmittelindustrie plausibel. Mit Hilfe von Landschaften klopft die expandierende Weltgesellschaft ihre Wertvorstellungen fest und etabliert Wissenssysteme und Wertkategorien, die als verbindlich erklärt werden. Das Stimmungshafte der Landschaft charakterisierte der ungarische Filmtheoretiker Bela Balázs 1924 in seinem Buch »Der sichtbare Mensch« als seelengleich und körperhaft, als ausdrucksvolle Physiognomie. Die Augen der Landschaft zu finden, meinte Balázs, sei die Aufgabe des Regisseurs.

Zeitlich parallel entwickelte in den USA der Geograph Carl Sauer seine Auffassung von der »Morphologie der Landschaft«, die das kulturelle Handeln und Produzieren des Menschen in seinen Landschaftsbegriff einschließt. Erst das Zusammenspiel der »Tatsachen des Ortes« bringt das Konzept der Landschaft hervor. Auch Sauer spricht von der Wesenhaftigkeit der Landschaft, die bei ihm aber nicht misszuverstehen ist im Sinne eines esoterisch Geisterhaften, sondern eher physiologisch bzw. morphologisch verstanden werden muss. Erst das In-Beziehung-Setzen aller Objekte, die in einer Landschaft koexistieren, konstituiert nach Sauer in ihrer Gesamtheit Wirklichkeit. Von entscheidender Bedeutung war für ihn und die von ihm begründete Forschungsrichtung der Cultural Landscape Studies die Veränderung und Inbesitznahme des Raumes und damit die Konzeption von Landschaft durch den Menschen, die nicht allein ästhetisch motiviert ist. In diesen frühen Entwürfen einer kulturwissenschaftlichen Landschaftsdefinition fällt immer wieder der enge Form-Inhalt-Zusammenhang auf, der jeweils den kulturellen gesellschaftlichen Konsens aufweist, innerhalb dessen festgelegt wird, was wie gesehen wird. In diesem Sinne kann dann später auch die Autobahnlandschaft plötzlich als schöner Ort vorgeführt werden.

Carl Sauer ging in den zwanziger Jahren in den USA noch von einem fast als »metrisch« zu bezeichnenden Kulturbegriff aus, denn seiner Ansicht nach bedingt die Abfolge der Kulturen die Abfolge der kulturellen Landschaften. Die Gleichzeitigkeit und Überlagerungen der Kulturen der Landschaftskonzeptionen, die heute interessieren, hätte er wahrscheinlich als ein und dieselbe verstanden. Er geht auch nicht so weit, seine Vorstellung vom konzeptuellen Charakter der Landschaft konsequent auf die Untersuchung von Bildmedien auszudehnen. Dennoch ist sein landschaftstheoretischer Ansatz als ein Abschied vom Modell des Perfekten und Idealen einer Landschaft als Heilungs- und Rettungsmotiv unserer Zivilisation zu lesen. Die man-made-landscape ist das pragmatische Gegenkonstrukt zur idealistischen Landschaftsästhetik. Dieser neue Blick auf Landschaft setzt in dem Moment ein, als auch die Bedingungen der wirtschaftlichen Produktion neue Fakten in der Landschaft gesetzt haben und die Distanz zur ersten Natur sich umso mehr vergrößert und in die Vorstellungswelt verlagert.

Landschaft in diesem Sinne zu betrachten bedeutet, sie als Agglomeration verschiedener, in Bewegung erfahrener und durch kulturelle Prozesse geformter Zustände von Raum und dessen Bilder einzuschätzen, die uns selbst mit einschließen. Wo Landschaft ist, ist immer auch der Mensch, der diese Landschaft, sei es beiläufig, aktiv eingreifend oder beobachtend analysierend definiert. Landschaften heute sind relative, relationale Ausschnitte unserer Lebenswelt, die als ästhetische Konzepte spezifische, kollektiv orientierte Wirkungen erzeugen. Wie ein Schauspieler lebt die Landschaft ein Eigenleben im Bild, das die Realität zum Schein wieder aufführt.

Brigitte Franzen

in: Carola Vogt und Peter Boerboom, Landschaften 1997-2005, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2005

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